Die Geschichte des Radios – vom Funkexperiment zum modernen Medium
Heute ist es selbstverständlich, dass wir Musik jederzeit hören können – über Streamingdienste wie Spotify oder direkt über das Smartphone.
Vor gut hundert Jahren war das völlig anders. Musik konnte man nur hören, wenn jemand live spielte oder wenn man eine Schallplatte besass. Die Idee, Stimmen und Musik durch die Luft zu senden, war damals revolutionär.
Die erste Radiosendung der Welt
Die erste Radiosendung fand 1906 statt. Der Ingenieur Reginald Fessenden übertrug an Heiligabend erstmals Musik und Sprache über Funk.
Seeleute auf Schiffen im Atlantik hörten plötzlich eine Geige und eine Stimme aus ihren Funkgeräten. Fessenden spielte ein Weihnachtslied und las aus der Bibel.
Für die Menschen, die das hörten, war das fast unglaublich: Zum ersten Mal konnten Stimmen drahtlos übertragen werden.
Erste Funkversuche in der Schweiz
Auch in der Schweiz begann man früh mit Funktechnik zu experimentieren. Um 1900 testete das Militär Funkverbindungen, teilweise sogar mit Funkballonen, um Nachrichten über grössere Distanzen zu übertragen.
Ein wichtiger Moment für die Entwicklung des Radios war die Funkausstellung von 1930 in Berlin, die vom Physiker Albert Einstein eröffnet wurde. Dort wurden neue Radiogeräte vorgestellt und erstmals einem breiten Publikum präsentiert.
Die ersten Radiosender in der Schweiz
Die ersten Rundfunkversuche in der Schweiz fanden 1922 auf dem Flugplatz Lausanne statt. Flugplätze eigneten sich besonders gut, weil dort bereits Funkanlagen vorhanden waren.
1923 erhielt Lausanne die erste offizielle Radiokonzession der Schweiz.
Radiogeräte waren damals teuer und selten. Viele Menschen hörten gemeinsam Radio – zum Beispiel in Restaurants oder Hotels.
1931 gründeten die regionalen Sender die Schweizerische Rundspruchgesellschaft, aus der später die heutige SRG SSR entstand.
Radio im Zweiten Weltkrieg
In den 1930er-Jahren wurde das Radio zum wichtigsten Informationsmedium.
In Deutschland nutzte der Diktator Adolf Hitler das Radio gezielt für Propaganda. Millionen Haushalte erhielten günstige Radiogeräte, sogenannte Volksempfänger.
Auch in der Schweiz spielte das Radio eine zentrale Rolle. Als 1939 der Zweite Weltkrieg begann, verkündete der Bundesrat über das Radio die Mobilmachung der Armee.
Für viele Menschen war das Radio damals die schnellste Informationsquelle.
Radio Beromünster – eine Stimme für ganz Europa
Das bekannteste Radioprogramm der Schweiz wurde unter dem Namen Radio Beromünster bekannt.
Der starke Mittelwellensender in Beromünster ging 1931 in Betrieb. Seine Signale waren so stark, dass man ihn in weiten Teilen Europas hören konnte.
Während des Zweiten Weltkriegs hörten sogar viele Menschen in Deutschland heimlich Radio Beromünster, weil dort unabhängigere Nachrichten gesendet wurden.
Unterhaltung im Radio
Nach dem Krieg wurde das Radio zum wichtigsten Unterhaltungsmedium.
Sehr beliebt waren Hörspiele – spannende Geschichten, die nur mit Stimmen, Musik und Geräuschen erzählt wurden.
Ein grosser Publikumserfolg war auch das Wunschkonzert Nachtexpress.
Hörer konnten anrufen und ihre Lieblingsmusik wünschen. Für viele Menschen war das damals ein besonderes Erlebnis: Zum ersten Mal konnten sie selbst das Radioprogramm beeinflussen.
Eine der ersten grossen Eilmeldungen
Am 22. November 1963 wurde der amerikanische Präsident John F. Kennedy in Dallas ermordet.
Das Radioprogramm wurde sofort unterbrochen.
Der Schweizer Journalist Heiner Gautschy berichtete live aus New York. Millionen Menschen erfuhren die Nachricht zuerst über das Radio.
Das Radiomonopol in der Schweiz
Lange Zeit gab es in der Schweiz nur staatlich konzessionierte Radioprogramme wie
- DRS 1
- DRS 2
Viele junge Menschen fanden das Programm jedoch zu konservativ, weil Pop- und Rockmusik kaum gespielt wurde.
In den 1970er-Jahren entstanden deshalb erste Piratensender.
Die Radiorevolution: Radio 24
Der Medienpionier Roger Schawinski hatte eine ungewöhnliche Idee:
Er gründete Radio 24 und sendete 1979 von Italien aus in die Schweiz.
Der Sender war sofort sehr beliebt – obwohl er offiziell verboten war. Tausende Menschen demonstrierten in Zürich für dieses Radio.
Schliesslich änderte der Bundesrat das Gesetz.
1983 wurden erstmals private Lokalradios in der Schweiz erlaubt.
Radio im digitalen Zeitalter
Heute wird Radio nicht nur über klassische Geräte empfangen, sondern auch digital über DAB+ oder über das Internet.
Neben grossen Sendern gibt es auch viele kleine Programme, etwa Webradios wie WALTS WELT aus Richterswil.
Blick in die Zukunft
Auch heute entwickelt sich das Radio weiter.
Computerprogramme und künstliche Intelligenz können bereits Musikprogramme automatisch zusammenstellen oder Moderationen erzeugen.
Trotz neuer Technologien bleibt das Grundprinzip gleich:
Menschen senden Musik, Geschichten und Informationen – und andere hören zu.
Schluss
Seit der ersten Radiosendung im Jahr 1906 hat sich das Radio ständig verändert.
Doch eine Idee ist gleich geblieben:
Eine Stimme spricht – und Menschen an vielen Orten hören gleichzeitig zu.
Genau das macht Radio bis heute zu einem besonderen Medium.